Reinkarnation und Auferstehung - Ein Widerspruch?

Reinkarnation und Auferstehung: Zwei zentrale Begriffe aus der Theologie und Philosophie

Auf einem Seminar an der Hochschule in Lundo, Trentino, in Italien zur Jahreswende 25/26 sprach ich, also der Autor dieser Seite, über das philosophische und theologische Thema "Reinkarnation und Auferstehung - In welchem Verhältnis stehen sie zueinander?"

Diese beiden Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod sind von der philosophischen Seite oder auch von der theologischen Seite her ein zum Teil sehr strittiges Thema. Das geht so weit, dass in manchen religiösen Richtungen, die eine Vorstellung komplett abgelehnt wurde oder wird, weil sie der anderen widersprechen soll. So lehnt man zum Beispiel die Reinkarnation in Kirchenkonfessionen ab, weil sie mit deren Auferstehungsvorstellung nicht verträglich sei.

Man erfährt zu den beiden Vorstellungen in den Enzyklopädien folgendes (aus Wikipedia - Die freie Enzyklopädie):

Der Begriff Reinkarnation, (deutsch ‚Wiederfleischwerdung‘ oder Wiederverkörperung‘), auch Palingenese(altgriechisch, aus pálin ,wiederum‘, ‚abermals‘ und génesis ‚Erzeugung‘, ‚Geburt‘), bezeichnet Vorstellungen der Art, dass eine (zumeist nur menschliche) Seele oder fortbestehende mentale Prozesse (Buddhismus) sich nach dem Tod – der „Exkarnation“ – erneut in anderen empfindenden Wesen manifestieren.

Als Auferstehung (altgriechisch anástasis, lateinisch resurrectio) wird die Erweckung Verstorbener zu einem ewigen Leben nach oder aus dem Tod bezeichnet. Eine Auferstehung erhoffen und lehren verschiedene Religionen, besonders die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Sie folgen der religiösen Vorstellung einer Erweckung aller Gestorbenen zu einem Endgericht eines Gottes über Böse und Gute (Perserreich), unterscheiden sich jedoch von Vorstellungen einer Trennung der unsterblichen Seele vom gestorbenen Leib (Hellenismus) und einer Reinkarnation (Wiedergeburt, Wanderung) der Seele in einen anderen sterblichen Leib (Hinduismus, ägyptische Mythologie).

Der oben genannte Vortrag, auf den sich dieser Beitrag nun bezieht, war in zwei Teile gegliedert, einen ersten reinen Übungsteil, der auf den eigentlichen zweiten Teil vorbereiten sollte, der sich mit den Begriffen dann direkt auseinandersetzte. Der Übungsteil sollte bei den Teilnehmern erste Empfindungen zu der Tiefe des Themas entwickeln und die ganz unterschiedlichen Perspektiven zu den Vorstellungen über Reinkarnation und Auferstehung aufzeigen, wie sie in den verschiedenen Kulturbereichen oder auch religiösen Richtungen gebildet wurden.

Die Aufteilung des Vortrags in zwei Teile wird auch hier im Beitrag beibehalten. Ich zeige in diesem Beitrag eine Auffassung, die möglich macht, beide Vorstellungen nicht nur nebeneinander bestehen zu lassen, sondern auch in Beziehung zu bringen. Die in der Darstellung gegebene Auffassung hat auch den Wert, dass manche religiöse oder philosophische Streitigkeiten im Sinne von "entweder Auferstehung oder Reinkarnation" dann nicht mehr notwendig sind.

 

Teil 1, die Übungen:

Als Erstes zeige ich eine Betrachtungsübung, hier in Form eines Videos, welche eine erste Empfindung für das Werden und Vergehen in der Welt heranbilden soll. Diese wurde auch im Vortrag in der hier wiedergegebenen Weise angeleitet. 

 

Es wird die Entwicklung einer geometrischen Figur von der Entstehung bis zur Auflösung gezeigt. Im Vortrag wurde diese dann von den Teilnehmern in der Rückerinnerung noch einmal aufgebaut. Der Leser kann diese Übung auch hier praktizieren (Bilder: Autor):

Bildfolge Dodekaeder herunterladen

 

Die vollständige Betrachtungsübung findet der Leser auf meinem Youtube-Kanal "Saturno1137".

 Adresse: https://youtu.be/9rHj__GWYoo

 

Mit diesem Bild zu dem Gedanken "Der Weg in die Tiefe eröffnet eine Wirkung im weitesten Umkreis" kann der Leser eine weitere Übung, wie sie auch im Vortrag mit Betrachtung und Rückerinnerung durchgeführt wurde, ebenfalls praktizieren (Bild: Autor).

Video Tiefenwirkung herunterladen

 

Nach einer Darstellung des Geistforschers Rudolf Steiner sind die verschiedenen Formen der Vergänglichkeit in der äußeren Welt nicht gleichzusetzen, also kurz ausgedrückt ist "Tod" nicht gleich "Tod". Eine solche Unterscheidung stellte ich auch den Teilnehmern im Vortrag vor. Der Leser kann diese Unterscheidung nun an den verschiedenen sprachlichen Ausdrucksformen zur der Vergänglichkeit der unterschiedlichen Lebens- und Naturgebiete nachvollziehen (nach einer Zusammenstellung von Rudolf Steiner):

Der Buchhinweis bezieht sich auf das Buch von Andreas Neider, "Der Mensch und das Geheimnis der Zeit", Verlag Freies Geistesleben, ISBN: ‎ 978-3772541889.

Interessant ist in dieser Zusammenstellung, dass Steiner dem Tod des Christus noch einmal eine eigene Position gibt. Denn es ist zum Beispiel im Johannes Evangelium des Neuen Testamentes tatsächlich so, dass der Christus als Ankündigung seines Todes nicht zu seinen Jüngern spricht "ich werde sterben und auferstehen", sondern er spricht zu ihnen "ich gehe zum Vater".

Zu den Begriffen Reinkarnation und Auferstehung existieren die unterschiedlichsten Einschätzungen und Auffassungen. Dazu hatte ich im oben genannten Vortrag mit den Teilnehmern verschiedene Texte betrachtet, die hier nun folgen:

Texte zur Reinkarnation

1) Aus Goethes Gedicht "Gesang der Geister über den Wassern":

 

Des Menschen Seele

Gleicht dem Wasser

Vom Himmel kommt es

Zum Himmel steigt es

Und wieder nieder

Zur Erde muss es

Ewig wechselnd.

Bild: Arthur Rackham (1867–1939), Illustration zu „Gesang der Geister über den Wassern“, ca. 1909, public domain.

2) Bistum Trier, Bischöfliches Generalvikariat:

 

Reinkarnation - eine außerchristliche Vorstellung

"Nach christlicher Vorstellung ist der Mensch einmalig und nur als Einheit aus Leib und Seele denkbar. Nur in dieser einzigartigen Einheit des konkreten Leibes und der Seele ist der Mensch ganz Mensch. Darauf gründet sich auch die Überzeugung, dass jeder Mensch mit Leib und Seele zum ewigen Leben auferweckt wird. Auch das schließt die Vorstellung aus, dass ein menschlicher Wesenskern immer wieder in einen neuen Leib wiedergeboren würde..."

Bild: Auferstehung, Jüngstes Gericht, Gustave Doré (1832–1883), La Grande Bible de Tours, 1866, public domain.

3) Hans Wolfgang Schumann, "Der historische Buddha":

 

Vom "Rad der Wiedergeburten"

"Alle Wesen unterliegen der Wiedergeburt, wodurch das Leiden mit dem Tod nicht endet, sondern in der nächsten Existenzform sich fortsetzt. Die Wiedergeburt wird gesteuert von dem Naturgesetz der reinen Bedingungen, die sich von einem Dasein in das nächste Dasein übertragen (Karma). Die Triebkräfte, die den Kreislauf der Wiedergeburt in Gang halten, sind die Gier nach (irdischem) Dasein, deren Auslöschung jeder in sich selbst durch Selbstkontrolle bewirken kann. Die Befreiung oder Erlösung liegt in der Beendigung des Wiedergeburtenkreislaufs durch das Verlöschen der Gier nach (irdischem) Dasein (erstrebter Zustand der ´Nichtmehrwiederkehr´, des Eingehens in das ´Nirvana´)".

Bild: Das Bhavacakra (Sanskrit; Devanagari: भवचक्र; Pali: bhavacakka) oder Rad des Werdens ist eine symbolische Darstellung des kontinuierlichen Existenzprozesses in Form eines Kreises, der vor allem im tibetischen Buddhismus verwendet wird (public domain).

4) Rudolf Steiner 1913, "Von den wiederholten Erdenleben und vom Karma":

  "Was man mit einem morgenländischen Worte "Karma" nennt: es wächst in der angedeuteten Art mit dem ´anderen Selbst mit dem geistigen Ich-Wesen´ zusammen. Der Lebenslauf eines Menschen erscheint inspiriert von seiner eigenen Dauerwesenheit, die von Leben zu Leben sich weiterführt; und die Inspiration erfolgt so, dass die Lebensschicksale eines folgenden Erdenseins als die Folge sich ergeben der vorangehenden Erdenleben."

Bild: "Wiedergeburt", KI nach Vorlage.

Texte zur Auferstehung

1) Johannesevangelium, 5, 28/29:

  "Schon kommt die Zeit, da alle, die in den Gräbern liegen, seinen Ruf (den Ruf des Sohnes, des Christus) vernehmen werden. Die Vollbringer des Guten werden daraus hervorgehen und durch die Auferstehung das wahre Leben finden; ..."

Bild: Steinplatte an einem Friedhof, Pixabay

Hier ergibt sich zum Beispiel die interessante Frage: Was in den Gräbern soll den Ruf des Christus hören, wenn in den Gräbern (in der Erde) nur der Staub der vergangenen Körper ist und der Mensch selbst als geistig-seelisches Wesen in die nachtodliche Welt geht oder aber wenn es überhaupt kein Leben nach dem Tod gibt und der Mensch dann am Ende der Zeiten "aus dem Nichts" auferweckt werden soll?

2) Rudolf Steiner, "Das esoterische Christentum", S. 286:

 

"Wenn wir unsere Erde durchforschen, so finden wir als das Rätselvollste auf ihr Geburt und Tod. Das Wesen sterben können, ist doch das Grundproblem für die forschende Menschheit. Tod, Sterben gibt es nur auf der Erde, in den höheren Welten gibt es keinen Tod, sondern nur Verwandlung Metamorphosen... und es würde, wenn nicht etwas geschehen wäre von Seiten der Götter, die ganze Menschheit immer mehr hinein verstrickt worden sein in eine dem Tode zuführende Tendenz."

Bild: Evelyn De Morgan (1855-1919), "The Angel of Death", 1880-1881, public domain.

3) Rudolf Steiner, "Das Sonnen Mysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung", Seiten 123 - 136:

  "Der auferstandene Christus lehrte den Aposteln dasjenige, was er erfahren und überwunden hatte beim Durchgang durch den Tod, er lehrte ihnen die tiefere Bedeutung des Todes, das "Geheimnis des Todes" und was mit dessen Überwindung als Auferstehung und Neuwerdung zusammenhängt."

Bild: "Auferstehung", Pixabay

Es stellten sich in Gesprächen während dieses Teils des Vortrags wiederum interessante Fragen:

  • Was ist der Mensch durch diese Lehre vom "Geheimnis des Todes" geworden, oder was bedeutet sie für ihn und die Welt? Was hat es mit dem Tod auf sich und damit mit seiner Überwindung, der "Auferstehung"?
  • Warum ist der göttliche Geist (der Christus) durch die Materie, durch den Tod gegangen, wenn die wandelbare Materie oder der Tod doch nur ein ewiges Kommen und Gehen, ein ewiges Werden und Vergehen der Erscheinungen darstellen, dem man nicht allzu viel Bedeutung beimessen sollte, wie das oft in alten östlichen Philosophien ausgedrückt wird?

4) Gerhard Lohfink, "Die Auferstehung Jesu und die historische Kritik", Eberhard-Karls-Universität Tübingen:

"Von vornherein muss hier mit Nachdruck gesagt werden: Als Jesus von den Toten auferweckt wurde, ist nicht einfach ein Gestorbener in das Leben der diesseitigen Welt zurückgekehrt wie etwa bei der Auferweckung des jungen Mannes aus Naim (Lk 7,11-17). Nach dem Zeugnis der Paulusbriefe und der Evangelien ist die Auferweckung Jesu nicht lediglich Wiederbelebung seines Leichnams, sondern ein eschatologisches Ereignis. Das heißt: Mit der Auferweckung Jesu haben die Ereignisse des Endes schon angefangen, im auferstandenen Jesus hat die "neue Schöpfung" bereits begonnen, die allgemeine Totenauferweckung hat ihn ihm bereits ihren Anfang genommen. Der Auferstandene und der Vorgang seiner Auferstehung gehören also nicht mehr in unsere Welt hinein."

Interessant ist hier, das die Auferstehung Christi als ein "eschatologisches Ereignis" bezeichnet wird. Also als der Beginn einer "neuen Schöpfung", als der Anfang einer "neuen Welt", die nicht mehr in unsere Welt hineingehört. Aber welcher Welt gehört sie dann an und welche Rolle spielt der Mensch selbst bei diesem Geschehen?

5) Heinz Grill, Antwort auf eine Frage zum Verständnis der Zeit, November 2025:

  "Es ist auf jeden Fall wahr, dass alles, was das Auge sieht (was überhaupt sinnlich wahrgenommen wird), ein Abbild des Toten, also bereits Vergangenem ist. Das Zeiterleben im Irdischen ist in der Regel durch die äußeren Ereignisse, die nacheinander stehen, gekennzeichnet, während das Zeiterleben im Geistigen durch die Entwicklungsfrage gekennzeichnet ist. Zeit ist in diesem Sinne auch Entwicklung."

Bild: Reste einer Ruine, Pixabay

6) Heinz Grill, "Die Signaturen der Planeten und die seelisch-geistige Entwicklung in der Pädagogik", Seiten 51/52:

  "In der Erde lebt der Christusgeist oder allgemein der Geist der Liebe und dieser ist sonnenhaft. Er ist gleichzeitig warm. Er atmet auf unsichtbare und freie Weise aus allen Erscheinungsformen des Irdischen, aus den festen Gegenständen wie auch aus dem Wässrigen und Gasförmigen, auf stille Weise heraus…
Es lebt in dieser Ausatmung des Christusgeistes das menschliche Ich und dieses bildet sich in jedem Augenblick auf neue und souveräne Weise im Innersten oder im geistigen Sein des Menschen."

Bild: "Der Christus als Geist der Erde", Ruurd Relick

Im Vortrag stellten sich damit weitere Fragen:

  • Entwickelt sich der Mensch vielleicht vom Geschöpf zum bewussten, freien Schöpfer, gibt es einen Entwicklungsgang von einer rein notwendigen, gesetzlich geführten Entwicklung zur freien schöpferischen Entwicklung?
  • Wie stehen Reinkarnation und Auferstehung im Verhältnis zur Idee der Entwicklung oder der "Evolution"? Was ist Entwicklung und welches Ziel hat sie? Warum überhaupt "Auferstehung", wenn der Mensch sowieso immer wieder inkarniert?

 

Teil 2, der Vortrag:

 

 

Der Beitrag ist noch in Bearbeitung.

 

 

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